Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen: Zentrale Schriften zur Politik


 
"Die Intellektuellen haben die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken" - Noam Chomsky
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(TOP 50 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen: Zentrale Schriften zur Politik (Gebundene Ausgabe) Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen (Origintaltitel: The Essential Chomsky) ist anlässlich des 80. Geburtstags Noam Chomskys 2008 herausgegeben worden und umfasst Essays aus 40 Jahren seiner politischen Tätigkeit (1966-2006). Chomsky selbst sagte 2002 in einem Interview: "Ein Intellektueller zu sein, ist eine Berufung für jedermann: es bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die für die Menschheit wichtig sind." Der bedeutende Kritiker der US-Politik ist eigentlich Sprachwissenschaftler, doch er erfüllt die von ihm gestellten Ansprüche an Intellektuelle in jeder Hinsicht.

Das Privileg, die Meinungsfreiheit auch zu nutzen, steht jedermann offen und damit auch öffentliche Meinungen, sowie den Kurs der Regierung kritisch zu hinterfragen. Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen ist es, Freiheiten zu nutzen und nach der Wahrheit zu suchen, welche von offiziellen Stellen oft bewusst verschleiert wird. Noam Chomsky hat das seit Vietnam getan und ist zum bekanntesten Kritiker des US-Imperialismus geworden, der Überzeugung von US-Politikern, im Namen von nationaler Sicherheit und Weltfrieden Kriege zu entfachen und Regierungen austauschen zu können. Wobei dieses Gebaren der Weltmacht nur dazu dient, Einflusssphären aufrecht zu erhalten und ihre globale Hegemonialstellung zu stützen. Durch die Truman-Doktrin, nach der die USA "allen Völkern, deren Freiheit von militanten Minderheiten oder durch einen äußeren Druck bedroht ist" Beistand zu gewähren bereit sind, lassen sich hehre Ideale leicht instrumentalisieren, um die noch auf die Nach-Bürgerkriegs-Ära zurückgehende Adams-Doktrin "Expansion ist der Weg zur Sicherheit" zu verwirklichen.

Bereits im Vorwort Anthony Arnoves erfährt man interessante biografische Danten über Chomsky und dessen intellektuellen Werdegang. So die Entwicklung von Chomskys philosophisch-moralischer Kritik, die bereits in seiner Jugend verwurzelt ist und durch sozialistische Argumentation untermauert ist. Bereits in jungen Jahren begann Chomsky sich politisch zu engagieren, jedoch gelang ihm der publizistische Durchbruch erst 1966 und führte direkt zu seiner fundierten und scharfsinnigen Kritik am Vorgehen der USA im Vietnamkrieg. Um es mit Chomskys Worten zu sagen (S. 196): "Es stimmt, dass die naziähnliche Barbarei der amerikanischen Kriegspolitik der hervorspringendste und unvergessliche Wesenzug des Kriegs war, in Südvietnam und anderswo in Indochina." So harsch diese Worte klingen mögen, folgt man Chomskys Argumentation, sind sie keinesfalls übertrieben, besonders wenn man sich Maßnahmen wie das Bombardement Kambodschas. Nach dem Nordkorea-Debakel und dem Fall Chinas an die Kommunisten waren Anhänger der Domino-Theorie darin bestärkt ein schon bald unaufhaltsames Vorrücken des Kommunismus in Asien zu erblicken und man war willig alles zu tun, um diesen Verlust des Einflusses in einer ganzen Region, zu verhindern. Zeitweilig überlegte man sogar auf unbestimmte Zeit in Südvietnam eine US-Militärbasis zu errichten. Das Problem, so Chomsky, war jedoch, dass die US-gestützte Regierung in keinster Weise über jene Massenbasis verfügte, die der Vietcong hatte. Militärisch mag man überlegen gewesen sein, politisch kämpfte man jedoch längst auf verlorenen Boden und legitimierte mit bestimmten Vorgehensweisen sogar die Opposition. Umsiedlung der Bevölkerung in strategische Wehrdörfer, der Einsatz von Agent Orange und von Paranoia geschürte Massaker an der Zivilbevölkerung waren die Reaktion der vermeintlichen Verteidiger der USA und ihrer Verbündeten.

Der Kampf darum, den außenpolitischen Einfluss zu erhalten und einen gefürchteten Dominoeffekt, der das Gespenst der kommunistischen Weltrevolution umgehen ließ, zu vermeiden stand jedoch auch auf der Agenda, der romantisierten Kennedy-Ära. So war der Kampf gegen den Kommunismus auch in Lateinamerika eines der Hauptanliegen der USA. Und so zitiert etwa der ehemalige Sonderberater Kennedys und Johnsons, Arthur M. Schlesinger im Zusammenhang mit der Ermordung des Diktators der Dominikanischen Republik Dr. Rafael Leónidas Trujillo Molina (S. 21) Kennedys persönliche Einschätzung der Lage: "Es gibt drei Möglichkeiten in absteigender Rangordnung: ein leidlich demokratisches Regime, eine Fortführung des Trujillo-Regimes oder ein Castro-Regime. Wir sollten die erste anstreben, aber wir können tatsächlich nicht auf die zweite verzichten, bis wir sicher sind, dass wir die dritte vermeiden können." Um den Einfluss auf strategisch wichtige Länder nicht zu verlieren, wie etwa auch den Iran, wurden alle Mittel ausgeschöpft eine US-freundliche Regierung zu installieren, auch wenn diese Bemühungen demokratische Widerstandsgruppen bedeutend schwächten und schlussendlich in diversen Fällen erst recht zu einer Machtergreifung US-feindlicher Kräfte führten.

Prinzipiell tritt in diesem Zusammenhang immer wieder die Bestrebung der USA nach einer globalen Hegemonialstellung zu Tage, die sie auf ihre Stellung als wirtschaftliche und militärische Weltmacht zurückführt. Die Exklusivität der Vereinigten Staaten als stärkste Nation und idealtypische Verkörperung der freien Welt, ist ein zwielichtiges Argument, sieht man sich die Schattenseiten dieser auf Hochglanz polierten US-Romantik an. Es gibt für Noam Chomsky keinen Grund warum sich die USA moralisch als Instanz in Sachen Demokratie und Menschenrechte positionieren dürfen, denn ihre Politik ist klar von Hegemonialbestrebungen geprägt, welche die "humanitäre Mission" der "Neuen Welt" wie den Kolonialismus ad absurdum führt. An US-Wirtschafts- oder Militärhilfe sind stets auch Forderungen nach Liberalisierung und Öffnung des Marktes verbunden, welche nach einem US-typischen neoliberalen Modell zu erfolgen hat, jedoch auch exklusiv US-Konzerne bevorzugen soll. Es ist dabei nur zu verständlich, wenn südamerikanische Populisten die US-Regierung mit den von ihr geförderten Konzernen gleichsetzen und deren oft skrupelloses Geschäftsgebaren mit der US-Außenpolitik in Verbindung bringen. Eine freie Welt, darf es nur unter US-Führung geben, ein Teil der freien Welt, der den USA feindlich oder auch nur ablehnend gegenübersteht, den darf es nicht geben.

Im abschließenden Kapitel wiederholt Chomsky daher seine 7-Punke-Forderung aus "Der gescheiterte Staat":
1. Anerkennung der Rechtsprechung des Internationalen Strafgerichtshofs und des Internationalen Gerichtshofs
2. Unterzeichnung und Fortschreibung der Kyoto-Protokolle
3. Übergabe der Führungsrolle bei internationalen Krisen an die Vereinten Nationen
Hinwendung zu Diplomatie und Wirtschatfsmaßnahmen statt militärischer Mittel im Kampf gegen den Terrorismus
5. Übernahme der traditionellen Auslegung der UN-Charta
6. Ende der Vetos im Sicherheitsrat und "geziemende Achtung vor den Meinungen des Menschengeschlechts", wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung rät, selbst wenn die Meinungen nicht mit der der Machtzentren übereinstimmen
7. Drastische Kürzung des Militärhaushalts und Stierung der Sozialausgaben.

Man kann Chomsky aufgrund seiner liberalen Weltsicht durchaus kritisch gegenüberstehen, doch selbst dann sieht man sich genötigt, seinen scharfsinnigen Analysen Tribut zu zollen. Selten verlässt er die sachliche Kritik am US-Imperialismus und wenn, dann meist nur um Ironie spielen zu lassen. Man könnte annehmen, dass ein Werk mit unterschiedlichen politischen Essays aus der nun 40jährigen Tätigkeit Chomskys zu Wiederholungen neigt und doch ist es überraschend, wie es dem Autor gelingt, gerade das zu vermeiden, auch wenn seine Kritik an Vietnam besonders in den ersten Kapiteln die Rolle eines roten Fadens einnimmt. Das ist möglich weil Chomsky anhand des populären Beispiels auch viele andere Schauplätze des US-Imperialismus erläutert und somit einen analytischen Schlüssel zur Verfügung stellt.

Fazit:
Die Essenz von Noam Chomskys politischen Schriften.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 3. September 2008
Kundenrezensionen:
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