Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Mythos und Realität


 
Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Mythos
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Rezension bezieht sich auf: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Mythos und Realität (Gebundene Ausgabe) Der an den Universitäten in Chicago und New York City lehrende amerikanische Politologe Norman G. Finkelstein hat sich nach seinem international Aufsehen wie Anstoß erregendem Buch „Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird" wieder einmal zu einer äußerst brisanten Thematik mit der Veröffentlichung seines neuesten Buches „Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Mythos und Realität" zu Wort gemeldet. Die Inspiration für diese Arbeit erhielt der Autor durch den zwischen Michael Walzer und Noam Chomsky um die Frage geführten Diskurs, ob ein jüdischer Staat auch demokratisch sein könne.
In seiner nun erschienenen Publikation nimmt Finkelstein gegenüber der offiziellen israelischen Geschichtsschreibung eine äußerst skeptische Stellung ein, indem er deren Deutungen nicht nur kritisch hinterfrägt sondern insbesondere die Gründungs- und Legitimationsmythen des israelischen Staates entzaubert. Es sei nur der Vollständigkeit erwähnt, dass gerade bei der Entstehung von national ausgerichteten Staaten den Mythen oft die Rolle der Legitimierung zukommt, da sie Teil des kollektiven Geschichtsbewusstseins des jeweiligen Volkes werden.
Finkelstein weist in seinem Buch nach, dass der Mythos vom friedliebenden Israel und vom palästinensischen „Land ohne Volk" falsch ist und nur zu propagandistischen Zwecken aufrecht erhalten wurde und auch weiterhin noch wird. Seiner Auffassung nach ist gerade das Gegenteil der Fall, da für ihn der Staat Israel ein künstlich geschaffenes Staatsgebilde ist, das per britischen Federstrich dekretiert wurde, ohne dass auf die dort lebenden Araber Rücksicht genommen wurde. Dementsprechend untersucht Finkelstein sehr kritisch die israelische Entstehungsgeschichte und kommt schnell zu dem Schluss, dass die Absicht zur Vertreibung der eigentlichen Bewohner des von Israel beanspruchten Gebietes einen bestimmenden Faktor in der Geschichte des Zionismus darstellt. Palästina war von den Arabern besiedelt und es war die israelische Politik, diese zu vertreiben und auf diesem, nunmehr besetzten Gebiet, neue Fakten in Form von israelischen Siedlungen zu schaffen. Dabei geht Finkelstein mit den Verantwortlichen der israelischen Eroberungs- und Vertreibungspolitik hart ins Gericht. Der Autor versucht wann immer nur möglich, Parallelen zwischen der Vernichtung und Gettoisierung der Indianer in den USA, der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten gegenüber dem europäischen Judentum und gegenüber den Völkern Osteuropas und der israelischen Politik der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat zu ziehen. Die angestrebte Form der „Völkertrennung" in Israel vergleicht Finkelstein mit der ehemals praktizierten Rassentrennung in Südafrika.
Dass die Auswirkungen dieser Politik - Terroranschläge von Palästinensern und die nicht minder harten Vergeltungsmaßnahmen der israelischen Armee - in eine kaum mehr lösbare Sackgasse führten, braucht eigentlich nicht weiter beschrieben werden.
Des Weiteren zweifelt Finkelstein den weiterhin transportieren Mythos der „Selbstverteidigung" eines existenziell bedrohten Staates Israel an. Dieser Mythos der existenziellen Bedrohung des kleinen Israels durch die arabischen Armeen, der seinen Ursprung aus dem Sechstagekrieg des Jahres 1967 hat, wird von ihm in Frage gestellt. Als Beispiel zitiert Finkelstein die Aussage eines Hauptplaners des Juni-Krieges General Mattityahu Peled. Dieser behauptet nämlich, dass die Bedrohungseinschätzung des bevorstehenden Untergang Israels ein „Bluff" gewesen sei, da die „Geschichten, Israel befände sich ,in einem verzweifelten Kampf um die Existenz und kann jeden Augenblick ausgelöscht werden'," nicht den Tatsachen entsprach, da „in Wahrheit seit 1949 kein Land mehr eine tödliche Bedrohung für Israel dargestellt" hätte. Diese Beurteilung teilte offensichtlich auch die US-amerikanische Schutzmacht. So war es für den ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert McNamara klar, dass Israel „ohne den Hauch eines Zweifels" siegen würde.
Für das Verständnis des israelisch-arabischen Konflikts und die globalen Auswirkungen eines „fundamental islamischen" Terrors leistet das durch andere Sichtweisen provokante Buch wesentliche Hintergrundinformationen, das insgesamt eine politische Brisanz beinhaltet, da es sicher nicht zum Vorteil der israelischen Politik ausfällt. Die Arbeit des Autors zeigt, dass eine israelkritische Sichtweise wissenschaftlich - ein Viertel des Buchumfanges umfasst der Fußnotenapparat und das Literaturverzeichnis - begründet werden kann, auch wenn es mit Bestimmtheit auch zu Überzeichnungen kam. Auf alle Fälle bildet dieses Werk eine gute Basis zur neuen Bewertung des bilateralen und teilweise global auswirkenden Konfliktes.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 18. Juli 2005
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