Die eiserne Mauer - Palästinenser und Israelis in einem zerrissenen Land


 
Eine Geschichte vertaner Chancen
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(TOP 100 REZENSENT)    (HALL OF FAME REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Die eiserne Mauer - Palästinenser und Israelis in einem zerrissenen Land (Broschiert) "Eine Mauer ist eine Katastrophe und bringt nur immer neue Mauern hervor."
(David Grossman, israelischer Schriftsteller, 2008)

"Die Eiserne Mauer - Palästinenser und Israelis in einem zerrissenen Land" ist das soeben erschienene vierte Sachbuch des in Kairo lebenden freien Journalisten Heiko Flottau. Seine hintergründige Analyse des "Jahrhundertkonflikts" beginnt er mit heute kaum noch bekannten Ereignissen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neben der Beleuchtung historischer Fakten zitiert er nicht nur Zeitzeugen, sondern lässt auch Vertreter der verschiedenen Lager in Interviews zu Wort kommen. Die Einbeziehung des Gaza-Feldzuges im Januar 2009 unterstreicht die Aktualität des Sachbuches.

Bereits in seiner Einleitung macht der Autor deutlich, das im derzeitigen Abnutzungskrieg keine Seite siegen kann, da das Schicksal Palästinenser und Israelis trotz einer 700 Kilometer langen Befestigungsanlage untrennbar miteinander verbindet. Jahrhunderte hatten Araber und Juden in Palästina friedlich zusammengelebt. Gegen eine zahlenmäßig begrenzte Zuwanderung weiterer Juden hätten die einheimischen Palästinenser vermutlich nicht viel einzuwenden gehabt, doch gegen eine Übernahme des Landes durch jüdische Emigranten wehrten sie sich von Anfang an. Flottau betont, dass Kritik an Israels Politik stets die Kritik an einer Regierung bleibt.

Die völkerrechtliche Legitimierung, einer "Jüdischen Heimstatt in Palästina" wie sie Lord Balfour bereits im Jahre 1917 nannte, bildet der Teilungsbeschluss der UNO, der den jüdischen Einwanderern ca. 53 % und den Palästinensern etwa 45% des einstigen Mandatsgebietes zusprach und Jerusalem unter internationale Verwaltung stellte. Die große jüdische Philosophin Hannah Arent (1906 - 1975) kritisierte das von Theodor Herzl propagierte Konzept eines zionistischen Staates unter dem Ausschluss der ansässigen Araber und befürwortete eine staatliche Föderation. Demgegenüber schrieb der Zionist Wladimir Jabotinski bereits im Jahre 1923 in seinem Aufsatz "Die eiserne Mauer", dass ein einheimisches Volk niemals der Landnahme durch Einwanderer zustimmen wird, und sich die Einwanderer daher durch Befestigungen abschirmen müssen. Dem gegenüber trat die 1925 in Jerusalem gegründete Gruppe Brit Shalom (Allianz für den Frieden) für die Schaffung eines gemeinsamen jüdisch-arabischen Staates ein.

Ein Blick auf eine Karte des Westjordanlandes macht das wahre Ausmaß der von israelischer Seite als Trenn- und Sicherheitswall oder Anti-Terror-Zaun, von palästinensischer Seite als "Apartheit-Mauer" oder "Mauer der Rassentrennung" errichteten Sperranlagen (Seite 24) deutlich. Das vom Internationalen Gerichtshof schlicht als Mauer bezeichnete Bauwerk weicht von der "Grünen Linie" des Waffenstillstandes von 1949 zwischen 200 Metern bis zu 20 Kilometern ab. Die Gesamtbreite beläuft sich auf 60 - 100 Metern, Teile der Mauer sind mit 8 Metern doppelt so hoch wie einst die Berliner Mauer. Während hierzu benötigtes Land einfach konfisziert wurde, werden Familien auseinadergerissen und Daueraufenthaltserlaubnisse benötigt, um im eigenen Haus weiterleben zu können. Die Zivilbevölkerung wird von ihren Äckern und ärztlicher Versorgung getrennt, bzw. hat nur durch täglich nur für eine Stunde durch geöffnete Tore Zugang. Von israelischer Seite wird angeführt, dass der Zaun Leben rette, weil Terrorattacken um von 26 Angriffen auf drei pro Jahr und damit um ca. 90 % gesunken sind.

Nach einem kurzen Blick auf die Geschichte des Zionismus, bei der auch der Christliche Zionismus dargestellt wird, widmet Flottau ein weiteres Kapitel der Geburtsstunde der radikal religiösen Siedlerbewegung Gush Emunim (Block der Getreuen), die sich nach Israels Sieg im Sechstagekrieg konstituierte und sich mit Berufung auf die biblische Verheißung eines Großisrael zur Besiedlung der besetzten Gebiete aufmachte. Nach der Ideologie von Gush Emunim haben die Palästinenser drei Möglichkeiten. 1. Sie erkennen den Zionismus, d. h. die jüdische Vorherrschaft an und werden hierfür mit vollen Bürgerrechten ausgestattet. 2. Sie verweigern die Anerkennung des Zionismus, erkennen aber die Gesetze Israels an und dürfen daher als Fremde in Israel leben oder 3.Sie können wirtschaftliche Hilfe annehmen und diese dazu benutzen, Israel zu verlassen und in andere arabische Länder auszuwandern. Bereits die Ministerpräsidentin Golda Meir hatte gesagt, dass sie kein Palästinensisches Volk kenne, andere Stimmen meinten, dass mit Jordanien bereits der Palästinenserstaat geschaffen wurde. In den folgenden Kapitel erfährt der Leser, wie die Siedlerbewegung agierte und welche Parteien es in Israel gibt. Anstatt einer tatsächlichen Zweistaatenlösung ist das palästinensische Gebiet im Westjordanland auch nach den Verträgen von Oslo immer weiter geschrumpft und zu einem Flickenteppich geworden. Während die Siedler israelischem Recht unterstehen, gilt für die Palästinenser auf ihrem eigenen Land Militärrecht.

Unter der Überschrift "Die Wälle des Unvermögens" gibt es einen historischen Abriss von der Chinesischen Mauer über Hadrianswall, Warschauer Ghetto (!), Nikosia, Berlin usw. bis zum gegenwärtigen Palästina. Der Autor schreibt, dass in Israel die Architektur, ebenso wieder Krieg, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. So gerate jeder Akt der Architektur zu einer zionistischen Handlung (S. 77). Die palästinensischen Gebiete Westjordanland und Gaza sind jedoch auch zu den arabischen Bruderländern Jordanien und Ägypten abgeriegelt.

Das Kapitel "Der Prophet der Mauer" bietet die Geschichte der Organisation "Betar", "Hagana" (Verteidigung) und "Irgun Zvei Leumi" (Nationale Verteidigungsorganisation) die mit einer "Wagenburgmentalität" verbunden sind. Terrorakte, Aufruhr (Intifada) und weitere Kriege (Libanonfeldzüge) bestimmen die Geschichte bis heute. Der dreimalige israelische Verteidigungsminister Moshe Arens (Likud) schreibt, dass der Sperrwall ein Fehler ist, da Terrorismus nicht ausgezäunt werden kann. (S. 100). Jamal Juma beklagt, dass die Mauer das Leben der Palästinenser stranguliert und nach den Vertreibungen zu einer neuen Nakba (Katastrophe) geworden ist. Das Kapitel "Widerstand und fehlende Kompromisse" offenbart Berichte der israelischen Menschenrechtsbewegung B'Tselem und die Geschichte des palästinensischen Widerstandes, der sich zunächst gegen die britische Mandatsmacht richtete. Beginnend bei der Istiqlal-Partei (Unabhängigkeit), dem Großmufti und Hitlerverehrer Haj Amin-al Husseini, über die Fatah bis zur Hamas, die sich in einem Bruderkrieg bekämpfen....

Der Autor kommt zum Ergebnis, dass Waffengewalt keine Politik ersetzen, und nur eine friedliche, sozial erfolgreiche Entwicklung den militanten Fanatikern den Boden entziehen kann (Seite 156). Der palästinensische Dozent Issa Sarras aus Ramallah räumt ein, dass Selbstmordattentate ein gewaltiger strategischer Fehler gewesen sind, die unermässliches Leid gebracht haben. Er hofft, dass vernünftige Menschen auf beiden Seiten den Mut für einen Neuanfang finden und dazu beitragen, ihre Völker und ihre Region in eine völlig andere Richtung zu lenken (S. 171).

Dem Abschluss des Sachbuches bildet ein Anhang mit Anmerkungen/Fussnoten, einem Literaturverzeichnis, einer Zeittafel (1798 bis 20. Januar 2009) und ein Personenregister.

Die Nennung sämtlicher Fakten und Aspekte des Buches würde den Rahmen der Rezension sprengen. Heiko Flottau ist eine differenzierte Bestandsaufnahme gelungen, die auch kritische Stimmen der innerisraelischen Diskussion (auch im Hinblick auf die Shoa als Rechtfertigung) zu Wort kommen lässt. Ein hochaktueller Lesetipp für alle am Nahostkonflikt interessierten Leser. 5 Amazonsterne.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 21. März 2009
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