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Sind die USA ein gescheiterter Staat?
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 50 REZENSENT) (HALL OF FAME REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Der gescheiterte Staat (Gebundene Ausgabe) "Wir garantieren die Sicherheit der Welt, schützen unsere Verbündeten, halten gefährdete Seewege offen und führen Krieg gegen den Terror", wohingegen China andere Länder bedrohe und "ein Wettrüstenauslösen könnte" - was für die Vereinigten Staaten unvorstellbar wäre. Das Council on Foreign Relations (auf Seite 14) zur US-Politik gegenüber China
In "Der gescheiterte Staat" widmet sich der Professor für Linguistik am MIT (Massachusetss Institute of Technology) als einer der bedeutendsten linken Intellektuellen Nordamerikas, einem wie er es nennt "selbstkritischen Blick in den Spiegel" durch sich unschwer erkennen lässt, "dass die Vereinigten Staaten in vielem an einen gescheiterten Staat erinnern." Es überrascht wenig dass Noam Chomsky als Vordenker der Globalisierungskritik zugleich auch als der "meistzitierte Außenseiter der Welt" gilt. So wurde er beispielsweise von der New York Times Book Rewview einst als der "wichtigste Intellektuelle der Gegenwart" bezeichnet, fügte dem aber hinzu: Das Zitat wurde von einem Verlagshaus veröffentlicht. Doch da sollte man immer sehr genau lesen: Wenn man nämlich das Original nachschaut, dann heißt es weiter: wenn dies der Fall ist, wie kann er dann solchen Unsinn über die amerikanische Außenpolitik schreiben?" Diesen Zusatz zitiert man nie. Aber um ehrlich zu sein: Gäbe es ihn nicht, würde ich glauben, ich mache etwas falsch."
"Der gescheiterte Staat" versteht sich als Gesamtkritik an den USA, ihrer Innen-, Außen- und Wirtschaftspolitik, weshalb dieses Buch sich auch nicht scheut in der Geschichte weiter zurückzugehen, als nur bis zum Jahr 2001. So verweist er im Zusammenhang mit dem "Star Wars"-Programm der US-Regierung (das neben Raketenabwehr auch orbitale Angriffswaffen umfasst, mit denen innerhalb von 30 Minuten weltweit jedes beliebige menschliche Ziel ausradiert werden könnte) auf die lange Geschichte der Weltall-gestützen Kriegsführung seit Reagan und die besorgniserregenden Entwicklungen unter Bill Clinton. Kritik gilt also nicht rein der Bush-Administration, sondern bricht ein Tabu, durch das sich die Ablehnung des Kritikers Noam Chomsky gut verstehen lässt, verzichtet er doch auf eine retrospektive Idealisierung vergangener US-Regierungen. Chomsky spricht dabei betont nie von Amerika, sondern von der Regierung und dem System, welches den Willen des Volkes, durch den es im Grunde legitimiert wird, nur zu häufig ignoriert.
"Die Vorstellung, dass die Demokratie im eigenen Land gefördert werden müsse, mag seltsam, ja gar absurd erscheinen. Schließlich bildete sich in den Vereinigten Staaten die erste moderne, mehr oder weniger demokratische Gesellschaft heraus, stets ein Vorbild für andere. Und in vielen für eine wahrhafte Demokratie zentralen Punkten - Schutz der Meinungsfreiheit beispielsweise - ist die USA führend in der Welt. Trotzdem gibt es berechtigte Gründe zur Sorge, einiges davon habe ich bereits erwähnt." Der gescheiterte Staat, S. 267
Laut Noam Chomsky ist es ziemlich egal welche der zwei Großparteien an der Macht ist, die Probleme liegen viel tiefer, schon alleine bei der Wahl selbst, ist die Wahlmöglichkeit ja sehr begrenzt und fast so als würde man eine Münze werfen. Wahlprogramme gibt es kaum und sind nicht selten so schwammig formuliert oder unsinnig, dass sich die Kandidaten selbst inhaltlich kaum voneinander unterscheiden. Die Folgen sind bekannt, auch wenn die USA etwa als Musterbeispiel für die Gewährung der Meinungsfreiheit gelten leiden sie unter einem Demokratie-Defizit. Im Zusammenspiel mit den im Krieg gegen Terror aufgeworfen Fragen und Menschenrechtsverletzungen, rundum Folterflüge, Unterstützung für Diktatoren und imperialen Größenwahn ein Faktor der die Glaubwürdigkeit der USA als Leuchtturm für Freiheit und Demokratie untergräbt.
So hat etwa der Erzschurke Osama bin Laden laut CIA-Mitarbeiter Michael Scheuer "...sehr genau die Gründe genannt, weshalb er gegen die USA Krieg führt. Keiner dieser Gründe hat irgendetwas mit unserer Freiheit und Demokratie zu tun, aber sehr viel mit der US-Politik und dem amerikanischen Vorgehen in der muslimischen Welt." Um Frieden und Wohlstand des eigenen Landes zu sichern wagt die USA ein gefährliches Spiel, das sie als Verbündete jener Regime auftreten lässt, die von ihr einst als Achse des Bösen bezeichnet wurden. Die Bereitschaft feindlichen Ländern mit einem atomaren Angriff zu drohen und neue Nuklearwaffen zu entwickeln verschärft die Lage umso mehr, weshalb betroffene Länder fast gezwungen sind sich atomare Waffen anzueignen, um einer US-Invasion entgehen zu können. Dabei erweist sich die US-Politik oft genug als kontraproduktiv, während sie sich das Anti-Terror-Know-how von repressiven Regimen zu Nutze machen, machen sie sich damit selbst zum Ziel und wie das Beispiel Irak beweist, waren auch die Versuche Massenvernichtungswaffen dort sicherzustellen, nur eine typische Lüge, um andere Interessen durchzusetzen. Labore und Fabriken, die für Waffenherstellung gerüstet waren, ließen die US-Besatzer einfach plündern, mit Folgen die sich noch zeigen werden.
Südamerika diente der CIA lange Jahre als Spielplatz für einen schmutzigen Krieg gegen unliebsame Regierungen, wobei die USA selbst als Förderer des Terrorismus durch Contras aufgetreten sind. Der heutige Bruch mit Genfer Konventionen und die öffentlich kritisierten US-Interventionen sind de facto nur eine Fortsetzung der schon lange vorher praktizierten Politik. Auch die Macht der Konzerne ist nichts neues, schon Präsident Woodrow Wilson meinte wenige Tage vor seiner Wahl, dass "die Regierung der Vereinigten Staate von den miteinander verbündeten Kapitalisten und Industriellen der Vereinigten Staaten beherrscht wird." und John Dewey, einer der größten Gesellschaftstheoretiker der USA, sprach davon dass "die Politik der Schatten ist, den die Großindustrie über die Gesellschaft wirft".
Selbst Menschenrechtsverletzungen und Expansionsdrang finden in der US-Geschichte große Vorbilder, wie den Indianerkriegen, die als großangelegter Völkermord von der damaligen Weltöffentlichkeit, sofern man von einer solchen überhaupt sprechen konnte, bedenkenlos hingenommen wurde und das in der damals mustergültigen Demokratie. Bereits die Jacksonian Democrats formulierten aus Gründen der Selbstverteidigung und Berufung auf Gottes Willen einst die Adams-Doktrin: "Expansion... ist der Weg zur Sicherheit", die schlussendlich voraussetzt das nur eine Weltherrschaft durch die USA der Schlüssel zum Weltfrieden oder zumindest Sicherheit für die US-Interessen sein kann.
Der Stolz so manches amerikanischen Repräsentanten auf die glorreiche Landesgeschichte mag zu Verblendung geführt haben, die an die Worte des britischen Bestsellerautors Robert Harris erinnert, der schon einmal auf die Ähnlichkeiten der USA zum antiken Rom hinwies. In diesem Sinne sehen sich die Denker hinter der Bush-Administration etwa als Wohltäter an der gesamten Welt, in dem sie sich als wahre Patrioten der Grand Nation verstehen und für den Rest der Welt das Heil allein in bedingunsloser Treue zu ihrer Politik sehen, denn wie sagte Präsident George W. Bush: "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Für seinen ehemaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld war das Grund genug, etwa Europa erneut zu teilen, wie Noam Chomsky es darstellt: "Das alte Europa besteht aus Ländern, in denen die Regierung dieselbe Haltung zum Krieg einnahm wie die große Mehrheit der Bevölkerung, wohingegen sich die Regierungen im neuen Europa selbst über eindeutige Mehrheiten hinwegsetzen und den Anweisungen aus Crawford, Texas, willfährig folgten. Daher ist das alte Europa mit Verachtung zu strafen, das neue Europa hingegen als Hoffnungsträger für Demokratie und Aufklärung zu loben." In Israel wiederum sehen die USA die Möglichkeit ihre moralische Überlegenheit als Friedensstifter und Verteidiger zu beweisen, indem sie bedingungslos selbst den Kurs der Hardliner unterstützen und finanzielle Unterstützung in Milliardenhöhe leisten. Es stimmt den Leser schon bedenklich, wenn Chomsky sozusagen als Insider auf Seite 312 berichtet dass das Repräsentantenhaus im Oktober 2003 einstimmig ein Gesetz beschlossen hat, "wonach von Fakultäten für internationale Studien verlangt werden kann, die amerikanische Außenpolitik stärker zu unterstützen, andernfalls werden ihnen Bundesmittel gestrichen."
Der Umfang dieses Buches ist überragend und selbst wenn sich Noam Chomskys Kritik als Schwarz-Weiß-Sicht banalisieren lässt, ist sie doch grundsätzlich den Tatsachen entsprechend. Allerdings macht er auch kleinere Fehler, wenn er die vier 2004 in Falludscha ermordeten Söldner der Firma Blackwater als Aufbauhelfer bezeichnet und im Falle des ehemaligen britischen Botschafters Craig Murray diskreditierende Angaben unter den Tisch fallen lässt. Noam Chomsky punktet eindeutig mit seiner breiten Sachkenntnis und geschichtlichen Wissen, sodass "der gescheiterte Staat" sich in jeder Hinsicht als Generalabrechnung mit den USA als politisches System bezeichnen darf.
Fazit: Nach der Lektüre dieses Werks wird es dem Leser umso klarer, wie sich die Probleme der USA in ihrer Gesamtheit erfassen lassen und woraus sie entstanden sind. Noam Chomskys Kritik ist verständlich, fundiert, logisch und enthüllt fast beiläufig aber schonungslos die Schattenseiten des US-Systems.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 18. Mai 2008 | | |
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